Azubis finden wird schwerer. Trotzdem schließt das Handwerk in Ostbayern 2026 7,4 Prozent mehr Lehrverträge. Was es anders macht und was Betriebe lernen.
In der Oberpfalz kommen auf 100 Ausbildungsstellen gerade 47 Bewerberinnen und Bewerber. Das hat die Handwerkskammer Niederbayern-Oberpfalz zum Ausbildungsstart gemeldet, gestützt auf Zahlen der Arbeitsagentur. Ich hätte erwartet, dass da alle Betriebe verlieren. Tun sie aber nicht. Das Handwerk in Niederbayern und der Oberpfalz hat 2026 im vierten Jahr in Folge mehr Lehrverträge abgeschlossen. Die IHK-Betriebe aus Industrie und Handel verlieren dagegen Nachwuchs, obwohl sie ihren Azubis im Bundesschnitt mehr zahlen.
Das Wichtigste in Kürze
- Wie finden Betriebe 2026 noch Azubis? Das Handwerk in Ostbayern zeigt es. Es hat nach eigener Aussage alte Klischees abgebaut und die Eltern mitgenommen und 2026 7,4 Prozent mehr Lehrverträge geschlossen, obwohl es im Bundesschnitt weniger zahlt als Industrie und Handel.
- Warum verlieren die IHK-Betriebe? Die meisten wollen weiter ausbilden, ihnen fehlen die Bewerber. In der Oberpfalz kommen auf 100 Lehrstellen 47 Bewerber, in den Bezirken Regensburg, Weiden und Schwandorf blieben rund 4.636 Plätze offen.
- Wird in Bayern weniger studiert? Das zeigen die amtlichen Zahlen nicht. Das Minus bei den Erstsemestern 2025/26 kommt vom ausgefallenen Abiturjahrgang.
- Was kann ein Industriebetrieb daraus lernen? Deutlich zeigen, dass er seine Azubis braucht, und die Eltern mitdenken. Der Maschinenbauer Sennebogen hat 2026 mit 50 Azubis seinen größten Jahrgang begonnen.
- Was wünschen sich Azubis? Mehr Betreuung, Feedback und Wertschätzung. In einer Befragung der bayerischen IHKs fühlten sich 14,6 Prozent der volljährigen Azubis überfordert, 2019 waren es 8 Prozent.



Warum wächst das Handwerk, obwohl es weniger zahlt?
Wenn wir die Meldungen der drei Kammern nebeneinanderlegen, laufen sie auseinander. Die Handwerkskammer zählt 5.386 neue Verträge, 7,4 Prozent mehr als 2025. Bei der IHK Regensburg sind es 3.740, ein Minus von 1,5 Prozent. Die IHK Niederbayern meldet 3.484 Ausbildungsstarter und knapp drei Prozent weniger, vor allem in der Metall- und Elektroindustrie. Schon im Vorjahr hatte sie zum selben Stichtag ein deutliches Minus, unter anderem weil in Bayern ein Abiturjahrgang ausfiel.
Beim Geld liegen Industrie und Handel vorn. Jedenfalls im Bundesschnitt. Das Bundesinstitut für Berufsbildung hat für 2025 die tariflichen Ausbildungsvergütungen ausgewertet, also das, was tarifgebundene Betriebe im Schnitt aller Lehrjahre zahlen. In Industrie und Handel sind das 1.266 Euro im Monat, im Handwerk 1.093 Euro, also 173 Euro weniger. Über drei Lehrjahre sind das grob gerechnet gut 6.200 Euro.
Neue Ausbildungsverträge 2026, Veränderung zum Vorjahr, Stand Ausbildungsstart 2026. Die IHK Regensburg zählt den niederbayerischen Landkreis Kelheim mit.
Die Handwerkskammer erklärt ihr Plus mit jahrelanger Arbeit am eigenen Bild. „Wir haben lange dafür gekämpft, das Handwerk von völlig veralteten Klischees zu befreien“, sagt Hans Schmidt, der stellvertretende Hauptgeschäftsführer. Man habe Jugendliche begeistert und auch die Eltern. Den Teil mit den Eltern halte ich für den wichtigsten der Meldung. Wer mit 15 einen Beruf wählt, entscheidet selten allein. Am Küchentisch sitzt oft jemand, der das Handwerk noch als Notlösung kennt.
In Ostbayern fehlen vor allem die Bewerber
Der Zentralverband des Deutschen Handwerks hat im Juli das bundesweite Plus erklärt. Jugendliche suchten in Zeiten von KI einen sicheren Job, die Imagekampagne wirke, Verdienst und Karriere seien besser geworden, und außerdem hätten Teile der Industrie ihre Ausbildungsplätze wegen der Weltmarktlage massiv verringert. Die IHK Niederbayern verliert knapp 3 Prozent, und Hauptgeschäftsführer Alexander Schreiner nennt das ein Alarmsignal. „Wenn die Konjunktur lahmt, muss sich das irgendwann auf die Personal- und Ausbildungsplanung der Unternehmen auswirken“, sagt er. Dieselbe Meldung sagt aber auch: Die meisten Betriebe wollen 2026 genauso viele Plätze anbieten wie im Vorjahr, rund zehn Prozent sogar mehr. Wenn weniger Jugendliche anfangen, liege das in den allermeisten Fällen am Mangel an geeigneten Bewerbern. Die IHK Regensburg nennt als Ursache vor allem die Demografie und den anhaltenden Trend zu höheren Schulabschlüssen.
Bewerberinnen und Bewerber je 100 Ausbildungsstellen, alle Branchen. Quelle: Arbeitsagentur, zitiert von der Handwerkskammer Niederbayern-Oberpfalz, 31.08.2026.
Dazu kommt, worüber ich vor ein paar Tagen geschrieben habe. Einstiegsjobs werden knapp, laut Indeed Hiring Lab gab es im Juli 2026 46 Prozent weniger Anzeigen für Junior- und Trainee-Stellen als 2019. Und laut ifo Institut übernimmt KI in 14 Prozent der Firmen schon Aufgaben von Berufseinsteigern. Ich verstehe jeden, dem eine Lehre da plötzlich wie die sichere Wahl vorkommt.
Ich habe neulich gehört, in Bayern werde einfach weniger studiert. Eine Zahl scheint das zu bestätigen. Im Wintersemester 2025/26 haben an bayerischen Hochschulen 16,9 Prozent weniger Menschen ein Studium begonnen, meldet das Landesamt für Statistik, und der Grund ist die Rückkehr zum neunjährigen Gymnasium, wegen der es 2025 in Bayern keinen regulären Abiturjahrgang gab. Mit Vorlieben hat das nichts zu tun. Für ganz Deutschland meldet das Statistische Bundesamt für 2025 vorläufig 1,6 Prozent mehr Studienanfänger und 1,2 Prozent weniger neue Azubis. Einen Zug weg von der Uni und hin zur Lehre zeigen die amtlichen Zahlen also nicht. Für die IHK-Betriebe ist das eher unbequem, finde ich. Eine bequeme Erklärung fällt weg. Das Minus im Vorjahr ließ sich noch mit dem fehlenden Abiturjahrgang erklären. 2026 gibt es ihn wieder, und die Zahlen sinken trotzdem. Autsch.
Ich glaube trotzdem nicht, dass das Plus nur von außen kommt. Bundesweit hat die Industrie Plätze gestrichen, gut. Aber die Jugendlichen hätten auch in den Handel, in die Pflege oder an die Uni gehen können.
Was macht das Handwerk in der Ansprache anders?
Bei den Werkzeugen sehe ich wenig Unterschied. Auch die IHK Regensburg schickt Azubis als AusbildungsScouts in Schulklassen und nutzt die bundesweite Kampagne #könnenlernen. Ich sehe den Unterschied eher im Absender. Das Handwerk wirbt als ganze Branche mit einer Geschichte von Sicherheit und Sinn, und diese Geschichte kann ein Fünfzehnjähriger am Küchentisch seinen Eltern genauso erzählen wie abends seinen Freunden. So verstehe ich Schmidt, wenn er die Eltern erwähnt.
Dass auch ein Industriebetrieb viele Azubis gewinnen kann, zeigt ein Maschinenbauer aus Straubing. Sennebogen hat 2026 an seinen Standorten mit 50 Azubis den größten Jahrgang seiner Geschichte begonnen. Das Unternehmen bildet in 20 Berufen aus und übernimmt nach eigener Angabe mehr als 95 Prozent seiner Absolventinnen und Absolventen. In Straubing baut es gerade ein neues Ausbildungszentrum und nennt es selbst ein Bekenntnis zum Industriestandort in der Region. Damit wir fair bleiben: Sennebogen ist unser Kunde. Die Zahlen stammen aber aus der eigenen Pressemitteilung des Unternehmens, nicht aus unserer Arbeit. Wer so deutlich zeigt, dass er seine Azubis braucht, muss, glaube ich, weniger Anzeigen schalten.
Nach dem Vertrag fängt die Arbeit erst an
Den Vertrag zu unterschreiben ist für mich die halbe Arbeit, und was danach kommt, haben die bayerischen IHKs im Frühjahr bei 3.654 volljährigen Azubis abgefragt, nachzulesen bei der IHK Regensburg. 14,6 Prozent fühlen sich überfordert, 2019 waren es 8 Prozent. Und 29 Prozent hatten vorher schon eine andere Ausbildung oder ein Studium begonnen. Gewünscht werden mehr Betreuung, Feedback und Wertschätzung. „Der größte Hebel liegt oft im Gespräch“, sagt Ralf Kohl von der IHK Regensburg.
Eine Umfrage der IHK Niederbayern unter Betrieben zeigt die andere Seite. In Niederbayern kritisieren laut IHK-Umfrage neun von zehn Betrieben die mangelnde Ausbildungsreife ihrer neuen Leute. Ich lese das so: Betriebe und Azubis erwarten Verschiedenes voneinander. Und keiner spricht es aus.
Wir machen Employer Branding für Unternehmen, und bei Azubis zählt dabei jeder einzelne Kontakt mit dem Betrieb. Karriereseite, Instagram, Tag der offenen Tür, erster Arbeitstag und das Feedback nach drei Monaten sollten dieselbe Geschichte erzählen, und wenn eine davon nicht stimmt, merkt das ein Sechzehnjähriger vermutlich schneller als jede Personalabteilung. Wie schnell eine Karriereseite von der Wirklichkeit abweicht, habe ich beim Thema Quiet Hiring beschrieben, also wenn Arbeit still umverteilt statt neu besetzt wird.
Titelbild mit KI erzeugt (Google Gemini). Die Grafiken haben wir aus den Zahlen der Kammern und der Arbeitsagentur gebaut. Alles folgt unserer Bildsprache.