Gen Z regelt: Heute demonstrieren junge Leute in 34 Städten. Die Daten zeigen, dass die Eltern-Generation mitschuldig ist, nur anders als gedacht.
In Frankfurt flogen am Abend nach Stunden friedlichen Protests Böller, Flaschen und Steine. Um 18:21 Uhr löste die Polizei die Demonstration auf, um 18:25 Uhr setzte sie einen Wasserwerfer ein, berichtet der Hessische Rundfunk. Am Nachmittag hatte die Polizei dort bis zu 8.000 Teilnehmende gezählt. Hessens Innenminister Roman Poseck sprach um 19:10 Uhr von „ungefähr 100 linksextremistisch motivierten Gewalttätern“. In Leipzig bauten Demonstrierende gegen 17 Uhr Barrikaden aus Müllcontainern, es gab Festnahmen, meldet die taz. Bundesweit hatte die Initiative „Gen Z regelt“ in 34 Städten aufgerufen. Online hatten mehr als 182.000 Menschen mit einem Klick zugesagt, berichtet n-tv. Stand dieser Angaben: 31. Oktober, 19:30 Uhr.
Am Morgen lief bei n-tv ein Video mit der Überschrift „Faule Gen Z? Jugendforscher zeigt auf die Eltern-Generation“. Ich musste schmunzeln. Im September habe ich vor Internatsschülern am Comenius-Gymnasium in Deggendorf gesprochen, meiner alten Schule. Vorher habe ich mich durch einen Stapel Studien zur Gen Z gearbeitet. Die Eltern-Generation ist tatsächlich mitschuldig, nur anders, als die Überschrift vermuten lässt.
Das Wichtigste in Kürze
- Was will „Gen Z regelt“? Die Initiative fordert mehr Geld für Schulen, Suchthilfe und Psychotherapie, Hilfe gegen hohe Lebenshaltungskosten und mehr Klimaschutz. Sie lehnt die Wehrpflicht und mehr Überwachung ab.
- Ist die Gen Z faul? Die Daten sagen nein. 76,8 Prozent der 20- bis 24-Jährigen mit deutschem Pass arbeiteten 2025 oder suchten Arbeit, 7,1 Punkte mehr als 2015.
- Sind die Eltern schuld? Zum Teil. 78 Prozent der Jungen nennen ihre Eltern ein Vorbild für die Erziehung ihrer eigenen Kinder. Starkes Behüten hängt aber mit mehr Angst und weniger Selbstvertrauen zusammen, und der Blick der Älteren deutet eine schwierige Lage oft als Charakterfehler.
- Was können Betriebe tun? Nachfragen, statt Schweigen zu deuten. Die Hälfte der Gen Z fühlt sich von Älteren missverstanden.
In Frankreich laufen die Eltern mit
Die Liste von „Gen Z regelt“ ist lang. Schulen, Suchthilfe, Psychotherapie, Lebenshaltungskosten, Klima, Wehrpflicht, Überwachung. Für eine Bewegung ist mir das zu viel. Der Berliner Protestforscher Christian Volk sieht es ähnlich. Ihm fehlt bisher das eine Thema, das alle verbindet, so wie es bei Fridays for Future der Klimawandel war.
Spannender finde ich den Blick über die Grenze. In Frankreich begann der Protest an einem Gymnasium in Créteil bei Paris. Es geht um fehlende Lehrer, marode Gebäude und geplante Einsparungen. An vielen Hundert Schulen fiel Unterricht aus, und bis Mitte Oktober gab es mehr als 6.000 Festnahmen, schreibt die Bundeszentrale für politische Bildung. Lehrer, Gewerkschaften und Eltern tragen den Protest dort mit. In Frankreich stehen die Eltern neben ihren Kindern, in Deutschland sieht Volk diese breite Unterstützung nicht.
Haben die Eltern ihre Kinder verwöhnt?
Die beliebte These lautet, dass überbehütende Eltern eine Generation großgezogen hätten, die nichts aushält und am liebsten nur im Homeoffice sitzt. Gegen die Faulheit sprechen die Zahlen. 76,8 Prozent der 20- bis 24-Jährigen mit deutschem Pass waren 2025 erwerbstätig oder suchten Arbeit, 7,1 Punkte mehr als zehn Jahre zuvor, meldet das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). Und die gewünschte Arbeitszeit ist laut IW Köln von 2007 bis 2021 in allen Altersgruppen gesunken, nicht nur bei den Jungen.
Die Kinder sehen ihre Eltern auch nicht als Täter. 78 Prozent der Jugendlichen nennen ihre Eltern ein Vorbild für die Erziehung ihrer eigenen Kinder, 1985 waren es im Westen 53 Prozent. Das steht in der Shell-Jugendstudie 2024. Bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz nennen 77 Prozent ihre Eltern als Hilfe, hat die Bertelsmann Stiftung 2025 erfragt. So einverstanden mit Mama und Papa waren Jugendliche 1985 bei Weitem nicht.

Lassen die Eltern zu wenig los?
Ganz entlasten will ich die Eltern trotzdem nicht. Wer mit jungen Leuten arbeitet, sieht große Unterschiede. Manche packen an, andere erwarten Mitsprache, übernehmen aber ungern Verantwortung. Die Ausbilder sehen das ähnlich. 37 Prozent der Azubis halten ihre psychische Belastbarkeit für stark, von ihren Ausbildern sagen das nur 3 Prozent. So steht es in einer Umfrage von u-form mit 11.613 Teilnehmenden.
Die Forschung gibt den Helikoptereltern einen Teil der Schuld. Eine Auswertung von 53 Studien mit 46.365 jungen Erwachsenen fand 2024, dass stark behütete Kinder sich später weniger zutrauen und häufiger Angst und depressive Symptome haben. Der Zusammenhang ist klein, und fast alle Studien messen nur zu einem Zeitpunkt. Ob die Eltern die Angst auslösen oder ängstliche Kinder ihre Eltern zum Behüten bringen, ist offen. Es fängt schon beim Schulweg an. Jedes fünfte Grundschulkind wird täglich mit dem Auto zur Schule gebracht, meldet die ADAC Stiftung.
Auch die psychische Belastung ist echt. 29 Prozent der 14- bis 29-Jährigen sagen, sie bräuchten psychologische Hilfe, ein Jahr zuvor waren es 24 Prozent (Jugend in Deutschland 2026). Krankschreibungen wegen psychischer Erkrankungen stiegen im ersten Halbjahr 2026 um 9 Prozent, meldet die DAK, über alle Altersgruppen.
Wo die Älteren wirklich mitschuldig sind
Schuld hat die Eltern-Generation auch woanders. Meine Generation zähle ich da mit.
Zuerst beim Blick auf die Jungen. Die Psychologen John Protzko und Jonathan Schooler haben 2019 in Science Advances gezeigt, dass Menschen bei der Jugend genau das vermissen, worin sie selbst stark sind. Wer viel liest, hält die Jungen für lesefaul, und wer Autorität schätzt, findet sie respektlos. Eine ältere Allensbach-Umfrage zeigt, wie weit Fremdbild und Selbstbild auseinanderliegen. 64 Prozent der Menschen ab 25 nannten Egoismus typisch für die Jugend, von den 14- bis 17-Jährigen selbst sagten das 33 Prozent (Stand 2013).

Dann bei den Stimmen an der Wahlurne. Bei der Bundestagswahl 2025 waren nur 13 Prozent der Wahlberechtigten jünger als 30, aber 59 Prozent waren 50 oder älter, darauf weist auch Volk hin. Dazu kommt ein harter Start in manche Berufe. Stellen für Einsteiger im Marketing lagen laut Indeed im ersten Halbjahr 2026 um 75 Prozent unter dem Stand von 2022, bei Stellen rund um IT-Anwendungen um 77 Prozent. Dazu passt, dass nur 44 Prozent der 14- bis 17-Jährigen für Deutschland optimistisch sind, 2021 waren es noch 62 Prozent (Sinus-Jugendstudie für die Barmer).
Die schlechte Stimmung ist kein Charakterfehler einer Generation, sie hat auch mit ihrer Lage zu tun.
Was heißt das für Betriebe, die junge Leute suchen?

Viele Junge halten sich im Gespräch mit Älteren zurück. Die Hälfte der Gen Z fühlt sich von Älteren missverstanden, jeder Vierte fühlt sich unwohl, ältere Kollegen um Hilfe zu bitten. So steht es in einer Umfrage, die LinkedIn 2024 in Auftrag gegeben hat (49 und 25 Prozent). Wer im Betrieb Schweigen als Desinteresse liest, kann falsch liegen. Ich rate Ausbildern und Chefs deshalb, lieber einmal mehr nachzufragen, als ein Schweigen zu deuten.
Genau so arbeiten wir im Employer Branding, also wenn wir Arbeitgeber für Bewerber sichtbar machen. Erst hören wir zu, wie junge Leute über einen Arbeitgeber reden, dann bauen wir die Ansprache. Wie das im Handwerk aussieht, steht in unserem Beitrag über Azubis in Ostbayern.
Die Demos fallen übrigens auf den Reformationstag. Am 31. Oktober 1517 hat Martin Luther der Überlieferung nach seine 95 Thesen veröffentlicht, auch eine lange Liste mit Forderungen. Ob aus „Gen Z regelt“ mehr wird als ein Tag auf der Straße, entscheidet sich nicht heute.
Titelbild und Foto im Text: mit KI erzeugt (Google Gemini), gestaltet nach unserer Bildsprache. Offenlegung: Recherchiert und geschrieben habe ich diesen Beitrag mit Claude von Anthropic.
Mehr von uns in deiner Google-Suche: JANDA+ROSCHER bei Google bevorzugen