Die J-Kurve bei KI: ein Muster dafür, warum ein Umbau zuerst Geld kostet. Was die Forschung sagt, wo die Kurve nichts verspricht und was Kunden merken.
Titelbild: mit KI erzeugt (Google Gemini), gestaltet nach unserer Bildsprache. Offenlegung: Recherchiert und geschrieben habe ich diesen Beitrag mit Claude von Anthropic.
Wir bauen unsere Agentur gerade um, und die Zahlen merken es zuerst. Bei JANDA+ROSCHER in Regensburg wird der Anteil klassischer Kreativarbeit kleiner, also Markenentwicklung und Corporate Design. Dafür stecken wir sehr viel Kraft in KI und in agentisches Arbeiten, bei dem KI-Agenten ganze Arbeitsschritte übernehmen und ein Mensch prüft und freigibt. Das kostet uns im Moment spürbar Geld. Dass ein Umbau zuerst kostet, war mir klar. Ich wollte trotzdem genauer wissen, was Ökonomen über die ersten Jahre mit einer neuen Technik herausgefunden haben.
Das Wichtigste in Kürze
- Was ist die J-Kurve bei KI? Ein Muster aus der Wirtschaftsforschung. Nach der Einführung einer neuen Basistechnik wie Strom oder KI sieht die Produktivität erst schlechter aus, weil Firmen zuerst in Abläufe, Wissen und Organisation investieren. Erst später steigt sie.
- Kommt der Ertrag sicher? Nein. Eine Studie über US-Fabriken mit KI findet den Aufschwung nur bei Betrieben, die die Delle überstehen.
- Was kostet beim Umbau wirklich? Selten die Lizenz. KI-Anwender ab 20 Beschäftigten nennen laut Bitkom Infrastruktur, Daten und die Einbindung in bestehende Systeme weit häufiger als großen Kostenpunkt als die Lizenz.
- Wird Agenturarbeit mit KI für Kunden billiger? Bei uns nicht. Der Kunde bezahlt die Erfahrung, die in den neuen Abläufen steckt, und das Tempo, das er dadurch gewinnt.
Beim Strom dauerte es vier Jahrzehnte
Der Ökonom Paul David hat 1990 nachgezeichnet, wie lange die Elektrifizierung brauchte, bis sie in der Produktivität der US-Fabriken ankam. Das geschah Anfang der 1920er Jahre, vier Jahrzehnte nach dem ersten Kraftwerk. Teuer war vor allem der Umbau der Fabriken um den Strom herum.
Ökonomen um Erik Brynjolfsson haben aus solchen Verläufen die Produktivitäts-J-Kurve gemacht. Erst geht es runter, dann rauf, wie beim Buchstaben J. Runter, weil Firmen viel Geld in Dinge stecken, die keine Statistik als Ertrag zählt, in neue Abläufe, in Wissen und in eine andere Organisation. Rauf, wenn diese Investitionen tragen. Streng genommen beschreibt die Kurve ganze Volkswirtschaften und keinen einzelnen Betrieb. Für uns übersetze ich sie so, dass die Kosten sofort in den Büchern stehen und der Wert erst später. Bei uns ist die neue Technik die KI selbst. Umgebaut werden unsere Abläufe und Gewohnheiten, die jahrelang gut funktioniert haben, und das Werkzeug dafür sind eigene Entwicklung und Automatisierung, etwa mit n8n.

Die Kurve ist kein Versprechen
Die Erfinder der Kurve schreiben selbst, dass solche Investitionen nicht automatisch zu ihrer Kurve führen („not a guarantee“). Wie es in echten Betrieben läuft, zeigt eine vorläufige Studie über US-Fabriken mit Industrie-KI, mit Daten bis 2022. Die Fabriken verlieren zuerst an Produktivität und wachsen danach schneller, aber nur die, die die Delle überstehen. Wann der Ertrag die Kosten überholt, können die Autoren nicht sagen.
Solche Fabriken sind nicht wir, denn wir bauen keine Produkte, aber solche Betriebe sind unsere Kunden, und wer im Maschinenbau Automatisierung, Robotik oder KI einführt, dürfte vor derselben Frage stehen, nämlich wie lange man die Delle durchhält. Und bisher ist in den Chefetagen von einem Ertrag wenig angekommen. In einer Befragung von fast 6.000 Führungskräften melden 91 Prozent der deutschen Firmen für die letzten drei Jahre keinen Effekt der KI auf ihre Produktivität. Ob das die Delle ist oder ob einfach nichts passiert, sagt die Befragung nicht.
Worauf es ankommt: nicht auf die Lizenz
Beim Bitkom fällt der Satz „Wer nur eine Lizenz kauft, hat KI eingekauft, aber noch nichts verändert“. Als großen Kostenpunkt nennen 51 Prozent der KI-Anwender ab 20 Beschäftigten die Infrastruktur, 50 Prozent die Datenaufbereitung und 41 Prozent die Einbindung in bestehende Systeme, die Lizenzen dagegen nur 21 Prozent. Die großen Posten sind Daten, Technik und Einbindung, also alles, was um das Werkzeug herum steht.

Bei uns sieht das zum Beispiel im Support so aus. Eine Kundenmail kommt herein und wird automatisch zum Ticket. Von da an übernimmt in den meisten Fällen ein Agent, vor allem in der Entwicklung. Er programmiert die Änderung an der Website des Kunden, und ein Mensch prüft und gibt frei. Ein Kollege greift nur noch ein, wenn der Fall es braucht. Das Werkzeug ist dabei der kleinste Teil. Die Arbeit steckt darin, einen Ablauf, den bisher ein Mensch von Anfang bis Ende erledigt hat, so zu zerlegen, dass ein Agent ihn übernehmen kann und ein Mensch an der richtigen Stelle hinschaut, und das geht nur mit der Erfahrung aus vielen Jahren Kundenarbeit, die wir gerade genau in diese Abläufe stecken. Solche Abläufe automatisieren wir auch für Kunden. Die Großen bauen ähnlich um. WPP, eines der größten Agenturnetzwerke der Welt, zu dem etwa Ogilvy gehört, stellt sein Geschäft auf eine Plattform mit KI-Agenten um, rechnet für 2026 mit rund 250 Millionen Pfund Umbaukosten und schreibt selbst, die Wende werde Zeit brauchen.
Warum wir keinen KI-Rabatt geben
Manche Kunden rechnen damit, dass Agenturen mit KI günstiger werden. In einer Umfrage des Softwareanbieters Productive unter mehr als 180 Agenturen wurde fast jede dritte nach einem KI-Rabatt gefragt. 13 Prozent haben ihre Preise gesenkt. Ein halbes Jahr später war der Druck laut der zweiten Befragungsrunde nicht gewachsen. Wir gehören nicht zu den 13 Prozent, und das ist eine Entscheidung. Wenn ein Agent den ersten Entwurf in Minuten schreibt, steckt die Arbeit nicht mehr in der abgerechneten Stunde, sondern im Ablauf dahinter, und diesen Ablauf baut nur, wer die Arbeit vorher jahrelang selbst gemacht hat und weiß, wo sie schiefgeht. Die Delle tragen wir, nicht der Kunde. Er bekommt dafür ein Ergebnis, das schneller da ist und das ein Mensch geprüft hat, bevor es rausgeht. Dieses Tempo hat seinen Preis. Warum die Stunde dafür kein gutes Maß mehr ist, steht in unserem Blogbeitrag Stundensatz: Was die Stunde mit KI wert ist. Unsere Kalkulation richtet sich deshalb mehr am Ergebnis aus, also an dem, was am Ende steht, und weniger an der Zeit davor. Zurück zu einer Kalkulation, bei der jeder Kleinkram einzeln auf der Rechnung landet, wollen wir dabei nicht.
Ob unsere Kurve nach oben geht, weiß ich nicht. Wir arbeiten jeden Tag daran.
Korrigiert am 18.10.2026: Der Support-Ablauf ist genauer beschrieben, ein Agent übernimmt dort in den meisten Fällen.