Ein KI-Nachbau von Photoshop in zwölf Tagen, Adobe mit Rekordumsatz und fallendem Kurs. Was Software noch wert ist, wenn der Code nichts mehr kostet.
Titelbild: mit KI erzeugt (Google Gemini), gestaltet nach unserer Bildsprache.
Seit dem 30. September gibt es ein Programm, das aussieht wie Photoshop, sich bedient wie Photoshop und nichts kostet. Es heißt PhotoCraft, und geschrieben haben es nach Angabe des Projekts KI-Agenten auf Basis von Claude, einem Modell der Firma Anthropic. Mich beschäftigt dabei weniger das Programm als die Frage dahinter: Wenn sich jede Software in Wochen nachbauen lässt, was ist Software dann noch wert? Wir zahlen in unserer Agentur in Regensburg jeden Monat an Adobe, und wir bauen gerade selbst Software, die wir verkaufen wollen. Beides hängt an der Antwort.
Das Wichtigste in Kürze
- Kann KI Software nachbauen? Ja. Den Photoshop-Nachbau PhotoCraft gibt es seit dem 30. September 2026, zwölf Tage später umfasste er 489.556 Zeilen Code. Anthropic und Cloudflare haben 2026 ähnliche Nachbauten veröffentlicht.
- Verdient bald niemand mehr Geld mit Software? Mit dem Code allein wird es schwer. Adobe meldete im September trotzdem ein Rekordquartal mit 6,76 Milliarden Dollar Umsatz. Das Geld wandert zu Rechenleistung, Betrieb und Passung.
- Ist so ein Nachbau erlaubt? Ein Programm zu beobachten und seine Funktionen neu zu schreiben ist erlaubt. Fremden Code zu zerlegen, um ein ähnliches Programm zu bauen, nicht.
- Was heißt das für Unternehmen? Eigene Werkzeuge werden bezahlbar, und jedes neue Programm sollte sich von KI-Agenten bedienen lassen.
Der Code ist in zwölf Tagen da
Zwölf Tage nach dem ersten Stand lagen 489.556 Zeilen Programmcode im öffentlichen Projektordner, Stand 12. Oktober. Den ersten Stand hat Brandon Thomas angelegt, früher Chef von storyteller.ai, er leitet das Projekt, so steht es bei OMG! Ubuntu. Die Schreibarbeit erledigen laut Projekt bis zu acht KI-Agenten gleichzeitig, inzwischen helfen Dutzende Menschen mit, und 52.390 Leute hatten sich das Projekt am 12. Oktober auf der Plattform vorgemerkt, was ich bei einem zwölf Tage alten Programm noch nie gesehen habe. Neben Photoshop kündigt ArtCraft elf weitere Programme an, von Vektorgrafik bis Tabellenkalkulation, zehn davon noch in Entwicklung.
So sieht der Nachbau aus. Bildschirmfoto aus dem Projekt selbst, Bildmotiv Hokusai, gemeinfrei.
PhotoCraft ist kein Einzelfall. Im Februar ließ Anthropic 16 KI-Agenten ein Programm schreiben, das Programmiersprache in Maschinencode übersetzt (einen C-Compiler), rund 100.000 Zeilen für knapp 20.000 Dollar. Knapp drei Wochen später baute bei Cloudflare ein einzelner Ingenieur das Webgerüst Next.js nach, in unter einer Woche, für rund 1.100 Dollar, mit 94 Prozent der Funktionen des Originals. Die Preise fallen also schneller, als die Programme reifen.
Token-Kosten der beiden Nachbauten laut Anbieter. Eigene Darstellung, Quellen: Anthropic, Cloudflare.
Drei Schutzwälle, die nicht mehr halten
Adobe hat seine Kunden jahrzehntelang mit drei Dingen gehalten. Die Leute haben die Bedienung gelernt, die Dateien liegen im Adobe-Format, und den Code sieht niemand. Alle zwölf ArtCraft-Programme sollen ab Werk einen Anschluss für KI-Agenten haben, PhotoCraft hat ihn schon, und 133 von 256 Photoshop-Testdateien stellt der Nachbau nach eigener Messung pixelgenau dar. Wer die Bedienung dem Agenten überlässt, muss nichts umlernen. Und die Dateiformate sind rechtlich frei.
Das steht seit dem 2. Mai 2012 in einem Urteil des Europäischen Gerichtshofs. Was ein Programm kann, ist nicht geschützt, nur der Code selbst. Wer eine Lizenz hat, darf das Programm nach Paragraf 69d des Urheberrechtsgesetzes beobachten und testen. Den fremden Code zu zerlegen, um ein ähnliches Programm zu bauen, erlaubt Paragraf 69e dagegen nicht. Genau an dieser Grenze wird gerade sortiert. Beim zerlegten Call of Duty ließ der Rechteinhaber das Video des Entwicklers sperren, die Seite mit dem Code ist seither nicht mehr erreichbar, berichtet Kotaku. Der nach eigener Angabe von außen nachgebaute Photoshop steht. Ganz sauber ist die Grenze bei KI trotzdem nicht. Als ein Entwickler im März eine freie Programmbibliothek mit Claude neu schrieb und unter eine lockerere Lizenz stellte, widersprach der ursprüngliche Autor, und die Fachseite LWN gab zu bedenken, dass das Modell das Original aus seinem Training kennt. Geklärt ist das nicht. Ich bin auch kein Jurist.
Adobe meldet Rekord, die Börse glaubt es nicht
Adobe setzte im Quartal bis August 6,76 Milliarden Dollar um, 13 Prozent mehr als im Vorjahr, so steht es im Quartalsbericht an die Börsenaufsicht, und Adobe nennt es einen Rekord. Affinity ist seit einem Jahr gratis, Photopea und GIMP gab es schon vorher, die Alternativen haben wir im August verglichen. Adobe verlangt für das große Abo weiter 77,99 € im Monat und verdient damit mehr als je zuvor.
Die Aktie erzählt eine andere Geschichte. Seit Jahresende hat sie 32 Prozent verloren, von 350 auf 237 Dollar, das haben wir am 12. Oktober an den Schlusskursen nachgerechnet. Ende Januar verloren Softwarewerte in einer Woche rund eine Billion Dollar an Börsenwert, schreibt die Investmentfirma Foundation Capital, ausgelöst durch neue Agenten-Werkzeuge von Anthropic. Das Argument dahinter ist einfach. Software wird pro Arbeitsplatz bezahlt, und wenn Agenten die Arbeit machen, braucht ein Unternehmen weniger Arbeitsplätze. Die Kunden murren und zahlen noch, die Anleger rechnen schon mit dem Ende, und ich finde beide Seiten nachvollziehbar.
Umsatz rauf, Kurs runter. Eigene Darstellung, Quellen: SEC 10-Q, Schlusskurse bis 12. Oktober 2026.
Wohin das Geld wandert
Zusammenfallen wird das Geschäft mit Software trotzdem nicht, es wechselt nur den Ort. Das Projekt selbst schätzt die Praxisreife seines Photoshop-Nachbaus auf 45 Prozent und hob seinen Restaufwand binnen einer Woche von 140 bis 220 auf 2.300 bis 4.100 KI-Stunden an. Die ersten Prozent sind billig, die letzten teuer, das wissen die Leute bei GIMP seit 1995. Und wer die KI-Funktionen will, die bei Adobe über dessen Server laufen, zahlt wieder ein Abo. ArtCraft verkauft dafür KI-Guthaben, 8 bis 48 Dollar im Monat bei Jahresabrechnung.
Die Schätzung des Projekts in einer Woche. Eigene Darstellung, Quelle: PhotoCraft-Projektdokumentation.
Das Geld geht also an Rechenleistung, an Betrieb und an jemanden, der das Programm am Laufen hält, wenn es hakt. Und es geht an Passung. In einer Lünendonk-Studie vom Juli 2025 sagen 62 Prozent der befragten Unternehmen, Teile ihrer geschäftskritischen Programme seien so veraltet, dass sie erneuert werden müssen. Nur 8 Prozent nutzen bisher fortgeschrittene KI-Werkzeuge, um alten Code zu durchleuchten.
Was das mit uns macht
Wir kennen dieses Geschäft, und zwar seit 18 Jahren. TYPO3, das System hinter den meisten Webseiten, die wir bauen, ist quelloffen und kostet nichts. Verdient haben wir trotzdem immer, und nicht am Programm, sondern daran, es für einen Kunden einzurichten, zu pflegen und über Jahre in seinem Sinn weiterzuentwickeln. Bei Online-Shops auf Shopware ist es dasselbe, und gerade dort ist die Pflege ein Daueraufwand, der den ersten Aufbau schnell überholt.
Genau diese Wertschöpfung bleibt, wenn der Code nichts mehr kostet, und bei uns macht sie inzwischen selbst KI. Seit Juni arbeitet ein eigener Agent unsere technischen Tickets ab und spielt TYPO3-Updates ein, angelernt mit dem, was fünf Jahre Ticketsystem und Dokumentation hergeben. Und auf der anderen Seite können Redakteure ihr TYPO3 seit Kurzem per Chat pflegen, über dieselbe MCP-Schnittstelle, mit der auch die Photoshop-Nachbauten ihre Agenten anbinden. Die Erweiterung ist noch nicht bei Version 1.0, wir haben sie im Oktober getestet, und veröffentlichen muss weiter ein Mensch.
Der Photoshop-Nachbau macht uns deshalb weniger Sorgen als die Zyklen. Die sind unberechenbar geworden, weil jedes neue Sprachmodell mitbringt, was wir letzten Monat noch selbst gebaut haben. Unser Buchungsbot für Übernachtungen im Tourismus geht gerade beim ersten Kunden live, dazu kommen Dashboards, und beides wollen wir weiterverkaufen. Bei beiden liegt das Geschäft für uns in dem, was nach dem Bau kommt. Welches Programm würdest du bei dir am liebsten ersetzen? Lass uns doch mal sprechen.
Transparenz: Das Titelbild dieses Beitrags ist mit KI erzeugt (Google Gemini) und nach unserer Bildsprache gestaltet. Das Bildschirmfoto stammt aus der Dokumentation des PhotoCraft-Projekts (Lizenz MIT/Apache 2.0, Bildmotiv gemeinfrei). Die Infografiken sind aus geprüften Zahlen deterministisch gerendert. Alle Zahlen im Text sind verlinkt und wurden vor Veröffentlichung an der Quelle geprüft.