Künstliche Intelligenz: Ein Wort von 1955

Künstliche Intelligenz: Ein Wort von 1955

Woher kommt der Begriff Künstliche Intelligenz? Aus einem Förderantrag von 1955. Nach zwei KI-Wintern belastet, machte ihn erst ChatGPT wieder alltäglich.

Titelbild: mit KI erzeugt (Google Gemini), gestaltet nach unserer Bildsprache.

Ich hätte gewettet, dass „KI“ ein junges Wort ist. Bis vor ein paar Jahren hieß das alles maschinelles Lernen, dachte ich, und dann kam ChatGPT und hat es umgetauft. Falsch. Das Wort ist 71 Jahre alt. Ganz daneben lag ich trotzdem nicht, weil das Wort zwischendurch tatsächlich lange unbeliebt war und die Technik, die heute alle KI nennen, in dieser Zeit unter anderen Namen weiterlief.

Das Wichtigste in Kürze

  • Woher kommt der Begriff Künstliche Intelligenz? Aus einem Förderantrag vom 31. August 1955, in dem John McCarthy zum ersten Mal „artificial intelligence“ schrieb.
  • Wer hat ihn geprägt? McCarthy, zusammen mit Marvin Minsky, Nathaniel Rochester (IBM) und Claude Shannon (Bell Labs). Der Workshop dazu fand im Sommer 1956 am Dartmouth College statt.
  • Ist maschinelles Lernen älter als KI? Nein. Der Begriff steht 1959 im Titel eines Aufsatzes von Arthur Samuel und bezeichnet ein Teilgebiet der KI.
  • Warum klingt KI trotzdem neu? Nach zwei Rückschlägen galt das Wort als belastet. Bis in die 2010er Jahre sprachen viele Forscher lieber von maschinellem Lernen.

Ein Name, auch um einem Kollegen auszuweichen

Am Anfang steht ein Förderantrag. Datiert auf den 31. August 1955, vier Unterschriften: John McCarthy, Marvin Minsky, Nathaniel Rochester von IBM und Claude Shannon von den Bell Labs. Gleich der erste Satz schlägt „a 2 month, 10 man study of artificial intelligence“ vor, zehn Forscher für zwei Monate. Eine frühere Stelle für den Begriff ist nicht bekannt. Im Sommer 2026 wurde der Workshop am Dartmouth College, den dieser Antrag bezahlen sollte, 70 Jahre alt.

Porträt John McCarthy, älterer Mann mit weißem Bart und schwarzer BrilleJohn McCarthy, 2006. Foto: null0, Flickr, CC BY-SA 2.0

Porträt Marvin Minsky, älterer Mann mit Brille und kariertem HemdMarvin Minsky. Foto: Sethwoodworth, Wikipedia, CC BY 3.0

Schwarzweiß-Porträt Claude Shannon als junger Mann im AnzugClaude Shannon. Foto: Tekniska museet Stockholm, CC BY 2.0

Warum gerade dieses Wort? McCarthy hat es 1988 in einer Buchbesprechung verraten. Das große Wort der Zeit war „Kybernetik“, die Lehre von Maschinen, die steuern und regeln, und ihr Erfinder Norbert Wiener war ein Mann, den McCarthy weder als Guru verehren noch zum Gegner im Streit haben wollte. Also musste ein eigener Name her. Das war nach McCarthys Worten einer der Gründe, nicht der einzige. Der Name Künstliche Intelligenz ist also auch ein Ausweichmanöver vor einem einzigen schwierigen Kollegen.

Gut die Hälfte des Geldes für ein neues Fach

Dann kam das Geld. 13.500 Dollar für zwei Monate hatte McCarthy bei der Rockefeller-Stiftung beantragt. Angeboten wurden ihm 7.500 Dollar für fünf Wochen, so steht es im Archiv der Stiftung. Für den Workshop, der die KI auf den Weg brachte, gab es gut die Hälfte des beantragten Geldes. Auch der Sommer selbst lief nicht nach Plan, denn die Teilnehmer kamen zu verschiedenen Zeiten und blieben verschieden lang, jeder mit seiner eigenen Forschung im Kopf, schreibt McCarthy in seinem Rückblick.

Maschinelles Lernen ist das jüngere Geschwister

Hier steckt mein erster Irrtum. Maschinelles Lernen ist nicht der Vorgänger der KI. Den Begriff setzte Arthur Samuel von IBM 1959 in den Titel eines Aufsatzes, vier Jahre nach dem Antrag, und es ging darin um ein Dame-Programm, das besser spielen lernen sollte als der Mensch, der es geschrieben hatte. Maschinelles Lernen ist vier Jahre jünger als KI und gilt heute als Teil davon. Ausgemacht war das lange nicht: Die Mustererkennung bildete in den 1950er und 1960er Jahren eine weitgehend eigene Fachgemeinde.

Das berühmte Samuel-Zitat steht nicht bei Samuel

Dann ist da der Satz, mit dem Samuel heute überall zitiert wird. Computer sollten lernen, „without being explicitly programmed“. Schöner Satz. Er steht nur nicht drin. Ich habe Samuels Aufsatz von 1959 komplett durchsuchen lassen. Am nächsten kommt ihm ein Satz, nach dem lernende Computer einen Großteil der detaillierten Programmierarbeit überflüssig machen sollen. Das klingt ähnlich. Das geläufige Zitat ist es nicht.

In Deutschland behielt Wieners Wort die Oberhand

Hierzulande ging McCarthys Ausweichmanöver lange schief. Ich habe in der Zählung von Google Books nachgesehen, wie oft ein Wort in Büchern vorkommt. „Kybernetik“ stand auf ihrem Höhepunkt 1971 rund 6,7-mal in einer Million Wörtern. „Künstliche Intelligenz“ kam selbst um 1990 nur auf knapp ein Sechstel davon, groß- und kleingeschrieben zusammengezählt (die deutsche Zählung reicht hier bis 2019). Erst um 2017 hat die KI die Kybernetik in deutschen Büchern überholt. Und auch dann nur knapp.

Bonn, Februar 1975: das erste Treffen unter dem Namen KI

Angefangen hat es trotzdem früh. Das erste Treffen unter dem Titel „Künstliche Intelligenz“ fand am 18. Februar 1975 an der Universität Bonn statt. Es war ein loser Kreis, meist junge Forscher. Schon im Oktober desselben Jahres wurde daraus eine eigene Fachgruppe der Gesellschaft für Informatik, so steht es in einer Chronik von Erhard Konrad.

Zweimal fror das Fach ein

Der erste Absturz begann 1973. Damals erschien ein Gutachten, das der Mathematiker James Lighthill für die britische Forschungsförderung geschrieben hatte. Sinngemäß stand darin, kein Teil des Fachs habe gebracht, was versprochen war. Auf dieser Grundlage beendete die britische Regierung die KI-Förderung an den meisten Universitäten, so beschreibt es das Standardlehrbuch von Russell und Norvig.

Der zweite Absturz kam 1987. Erst brach der Markt für spezielle KI-Rechner ein, dann verloren die sogenannten Expertensysteme ihre Käufer, also jene Programme, die das Wissen von Fachleuten in festen Wenn-dann-Regeln abbilden sollten. Viele davon wurden in den 1990ern aufgegeben. Beide Phasen heißen heute KI-Winter.

Den zweiten Winter sehe ich auch in den Büchern. Von 1986 bis 2007 fiel die Häufigkeit von „artificial intelligence“ in englischen Büchern um mehr als die Hälfte. Wer damals KI sagte, klang nach gescheiterten Versprechen. Jetzt verstehe ich, warum mir das Wort so neu vorkam.

Die Technik blieb, nur der Name hatte Hausverbot

Und hier hat meine Erinnerung doch einen wahren Kern. Der Technikhistoriker Thomas Haigh beschreibt es in der Fachzeitschrift der ACM: Neuronale Netze wurden bis vor kurzem lieber als Machine Learning, Deep Learning oder Big Data verkauft, auch weil der KI-Winter das Wort beschädigt hatte. Regelbasierte Systeme liefen in den 1990ern einfach als „Geschäftslogik“ weiter.

Ganz verschwunden war die KI nie. Die amerikanische Fachgesellschaft AAAI, gegründet 1979, trägt sie bis heute im Namen. Außerhalb der Fachwelt aber hatte das Wort einen schweren Stand. Die Bücher zeigen das. Seit Mitte der 2010er Jahre steht „machine learning“ in englischen Büchern häufiger als „artificial intelligence“, 2022 je nach Schreibweise anderthalb- bis fast zweimal so oft.

Balkengrafik: Nennungen je Million Wörter in englischen Büchern. KI 1986: 2,0; KI 2007: 0,7; KI 2022: 6,4; Machine Learning 2022: 12,3.Quelle: Google Books Ngram, englisches Korpus bis 2022, Kleinschreibung, ohne Glättung, eigene Abfrage am 5. Oktober 2026.

Der Science-Fiction-Autor Ted Chiang hat das Wort 2023 einen Fehlgriff der 1950er genannt. Richtiger wäre seiner Meinung nach „angewandte Statistik“. Haigh hält dagegen, dass KI damals gerade nicht statistisch arbeitete. Für die heutigen Sprachmodelle finde ich Chiangs Spitze trotzdem nicht ganz falsch.

ChatGPT hat das alte Wort zurückgeholt

Ein frühes Zeichen der Rückkehr sehe ich bei einem Konzern. Im April 2016 schrieb Google-Chef Sundar Pichai in seinem Brief an die Aktionäre, man gehe von „mobile first“ zu einer Welt über, in der KI an erster Stelle steht. Ende 2022 kam ChatGPT. Plötzlich sagte jeder KI, auch ich.

Dahinter steckt aber, wie ich inzwischen weiß, Deep Learning, also maschinelles Lernen mit vielschichtigen neuronalen Netzen. Die Begriffe sitzen ineinander wie russische Puppen. KI ist die äußerste, darin liegt das maschinelle Lernen, darin Deep Learning. Die kleinste Puppe sind Sprachmodelle wie ChatGPT.

Schon 1965 dachte ein Mathematiker an die ultraintelligente Maschine

Auch die ganz großen Worte sind älter, als ich dachte. Der Mathematiker I. J. Good beschrieb schon 1965 eine „ultraintelligente Maschine“, die jeden Menschen in jeder geistigen Tätigkeit übertrifft. Er hielt sie für die letzte Erfindung, die der Mensch je machen müsse, vorausgesetzt, die Maschine sei fügsam genug, uns zu sagen, wie wir sie unter Kontrolle halten. Für „AGI“, also eine allgemeine KI auf Menschenniveau, gibt es bis heute keine gemeinsame Definition. OpenAI misst sie am Geld: Sie soll Menschen bei den meisten wirtschaftlich wertvollen Arbeiten übertreffen.

Wer KI sagt, sollte das Verfahren nennen

Was nehme ich daraus mit? Das Wort KI verrät wenig. Dahinter steckt mal ein Sprachmodell, mal eine Bilderkennung, mal ein Regelwerk aus den 1980ern. Wer wissen will, was ein KI-Werkzeug kann, sollte fragen, welches Verfahren darin arbeitet. Wir bauen bei JANDA+ROSCHER in Regensburg eigene Agenten und automatisieren Abläufe mit n8n, und wir sagen dabei lieber, welches Verfahren wo arbeitet. Wer sich für die wirtschaftliche Seite des aktuellen KI-Sommers interessiert, findet sie in unserem Beitrag über die KI-Blase.

Den Antrag von 1955 kann man übrigens bis heute online nachlesen. Ich empfehle den ersten Absatz.

Das könnte dir auch gefallen

Zur Übersicht
OpenAI Dots: Wohin die großen Sprachmodelle gehen
KI OpenAI Sprachmodelle Datenschutz Mittelstand
Boris Janda – 04.10.2026

OpenAI Dots: Wohin die großen Sprachmodelle gehen

OpenAI Dots und DevDay 2026 eingeordnet: was die Agenten können, welche Geschäftsideen sie bedrohen und was sie in der EU an Daten kosten.

Deine Botschaft?