Der Brief, den keiner mehr lesen kann

Der Brief, den keiner mehr lesen kann

Sonntagsgedanken vom 13. September 2026

Servus, schönen Sonntagmorgen!

Bei vielen von uns liegt so ein Bündel auf dem Dachboden. Briefe der Urgroßmutter, ihre Handschrift, und keiner in der Familie bekommt sie entziffert. Ein bisschen traurig ist das schon. Bis man sieht, was eine KI daraus in Sekunden macht.

Warum wir das nicht mehr lesen können

Schuld daran sind die Nazis. Am 1. September 1941 verbot ein Erlass des Reichserziehungsministers die deutsche Schreibschrift in den Schulen. Vorausgegangen war im Januar 1941 ein Rundbrief von Martin Bormann, damals einer der mächtigsten Männer neben Hitler, der die gotischen Schriften abschaffte. Seither hat sie kaum noch jemand gelernt. Und die Buchstaben sind wirklich fremd. Das „s“ sieht aus wie ein „f“, das „e“ wie ein „n“, alles spitz und eng. Wer den Brief der Urgroßmutter erbt, erbt oft nur ein hübsches Rätsel.

Das Sütterlin-Alphabet: das kleine s gleicht einem f, das e einem n

Was die KI daraus macht

Das Werkzeug heißt Transkribus und kommt aus der Forschung der Universität Innsbruck. Heute trägt es eine Genossenschaft, die Daten liegen auf Servern in Österreich. Es liest nicht Buchstabe für Buchstabe, sondern ganze Zeilen im Zusammenhang. Lesen kann es nur, weil Menschen ihm vorher Tausende Seiten abgetippt haben. Aus dem Paar von Krakelschrift und fertigem Klartext lernt die KI das Muster. Ein berühmtes Übungsstück sind die 60.000 Seiten des Philosophen Jeremy Bentham, die Freiwillige seit Jahren online abtippen. Je größer der Berg, desto besser wird die Maschine.

Heute liest sie eine saubere Seite in Sekunden und trifft meist 85 bis 97 von 100 Zeichen. Über eine halbe Million Menschen nutzen sie, mehr als 200 Millionen Seiten sind schon durchgelaufen.

Ein echter Brief in Kurrentschrift, Wien 1842: „Meine beste Marie!“

32 Millionen Doppelseiten, ein Klick

Seit Ende April steckt die Technik im Kirchenbuchportal Archion, so das Evangelische Archiv in Baden und Württemberg. Dort liegen rund 200.000 Kirchenbücher, gut 32 Millionen eingescannte Doppelseiten. Wer jede in zehn Sekunden überfliegen wollte, wäre zehn Jahre beschäftigt, ohne Pause und ohne Schlaf. Jetzt genügt ein Klick je Seite, und der gelesene Text steht neben dem Original. Darunter sind Pfarreien aus Gegenden, die heute zu Polen, Serbien oder Rumänien gehören. Für manche Familie ist das die letzte Spur, die von der Herkunft geblieben ist. Wer katholisch sucht, findet vieles gratis auf dem Portal Matricula, Passau und Eichstätt sind dabei.

So probierst du es selbst

Und jetzt das Schöne. Du brauchst dafür fast nichts, kein Programm und keine Vorkenntnis. Fotografier den alten Brief mit dem Handy, bei gutem Licht, und lad das Bild auf transkribus.org. Mit einem kostenlosen Konto kommt in Sekunden lesbarer Text zurück. Zum Ausprobieren reicht das locker, und es kostet keinen Cent.

Was bleibt. Perfekt ist die KI nicht, bei krakeligen Namen rät sie auch mal daneben. Aber das stört wenig. Man legt den Klartext neben das Original und liest zum ersten Mal, was die Urgroßmutter wirklich geschrieben hat. Ein Handwerk, das als ausgestorben galt, liegt plötzlich in jeder Hosentasche. Der Brief vom Dachboden wartet nur noch auf ein Foto.

Einen entspannten Sonntag dir, bis nächste Woche.

Boris

Quellen: READ-COOP, transkribus.org (Stand 09/2026) · Ev. Archiv Baden und Württemberg, blog.eabw.de (27.04.2026) · CompGen (05/2026) · Archion, Texterkennung · Matricula Online · Transcribe Bentham, UCL · Wikipedia, Normalschrifterlass 1941

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