Ein Bauer aus Niederbayern, eine Drohne, die halbe Chemie

Ein Bauer aus Niederbayern, eine Drohne, die halbe Chemie

Sonntagsgedanken vom 12. Juli 2026

Ein Landwirt aus dem Landkreis Deggendorf lässt eine Drohne sein Feld absuchen – und bringt nur noch dort Mittel aus, wo wirklich Unkraut wächst.

Johannes Brunner bewirtschaftet 65 Hektar bei Deggendorf: Kartoffeln, Zuckerrüben, Mais, Getreide. Ein Familienbetrieb mit einem Besitzer, der beruflich in der Präzisionslandwirtschaft arbeitet, kein Konzern, keine Versuchsstation. Im Frühjahr 2024 wuchsen Distelnester in seinen Rüben. Früher hätte er das ganze Feld gespritzt, Reihe für Reihe. Diesmal machte er es anders.

So kam die Drohne auf sein Feld

Brunner flog nichts selbst. Er buchte einen Dienstleister, das Stuttgarter Start-up SAM-DIMENSION, das man in Bayern über die BayWa bekommt. Anfang Mai kam ein Pilot, ließ eine Drohne über die Rüben steigen und fotografierte das Feld aus der Luft. Eine Kamera mit KI erkannte dabei jede Distel und unterschied sie von der Rübe. Am nächsten Tag lag eine fertige Karte auf Brunners Display, zentimetergenau. Diese Karte spielte er in seine Feldspritze, die Teilbreiten automatisch schalten kann. Die öffnete dann von allein nur noch über den Disteln. Behandelt wurden am Ende 10 bis 15 Prozent der Fläche. Flug und Karte kosteten rund 25 Euro je Hektar. Unterm Strich zahlte Brunner 35 statt 50 Euro je Hektar.

Punktraster: 12 von 100 Feldteilen behandelt

Woher die großen Zahlen kommen

„Bis zu 95 Prozent weniger“ – solche Sätze stehen in den Prospekten der Hersteller. Sie stimmen, aber nur im Glücksfall: ein paar Distelnester auf einem sonst sauberen Feld. Die bayerische Landesanstalt für Landwirtschaft maß auf einer einzelnen Rübenfläche tatsächlich 90 Prozent. Verlässlicher ist die Zahl der Universität Hohenheim: im Mais rund 47 Prozent weniger Mittel bei gleicher Ernte – aber nur, wenn früh gespritzt wird. Kommt die Spritze zu spät, sind es 12 Prozent. Realistisch ist also meist etwa die Hälfte, im Glücksfall mehr.

Warum ausgerechnet ein Chemiekonzern mitmacht

Ein verwandtes Verfahren, ONE SMART SPRAY, bauen BASF und Bosch seit 2023 in Serie: Eine Kamera an der Spritze erkennt das Unkraut während der Fahrt. Das ist die eigentliche Überraschung. Ich lese das so: Ein Hersteller von Pflanzenschutzmitteln verkauft das Werkzeug, das den Absatz seiner eigenen Mittel senkt. Er verdient künftig nicht mehr am Liter, sondern an der Präzision.

Die zweite Überraschung steht bei Brunner im Hof. Es gibt teure Feldroboter, die autonom über den Acker fahren und hacken. So einen brauchte er gar nicht. Ihm genügte die Spritze, die er ohnehin besitzt, plus die zugekaufte Karte. Präzision zum Mieten statt Maschine zum Kaufen.

Was das heißt

Für den Blick auf KI: Hier ist die KI kein Alleskönner, sondern ein gutes Auge. Ihr Nutzen entsteht, weil die Maschine weniger tut – Düse zu statt Düse auf.

Für Unternehmen: Nicht die teuerste Anschaffung gewinnt. Brunner kaufte eine Dienstleistung, kein Gerät. Der Fortschritt lag darin, vorhandene Technik mit zugekaufter Präzision zu verbinden.

Für uns alle: Weniger Mittel auf dem Feld heißt weniger davon im Boden und im Grundwasser. Das ist keine Zukunftsmusik. Es läuft heute in Ostbayern, und der Freistaat fördert den Kauf passender Geräte mit 40 Prozent.

Was bleibt: ein Teil der Chemie. Bevor die erste Distel zu sehen ist, wird das Feld oft einmal komplett mit einem Bodenmittel behandelt, denn die Kamera erkennt nur, was schon wächst. Gespart wird bei einem Arbeitsschritt, nicht über die ganze Saison. Und ob der Boden davon auf Dauer gesünder wird, hat noch niemand über die Jahre gemessen. Doch der Acker, der nur noch dort spritzt, wo die Distel steht, ist keine Vision mehr. Er liegt im Landkreis Deggendorf.

Quellen: top agrar (2025) · Universität Hohenheim, Plants (2024) · LfL Bayern (2025) · ONE SMART SPRAY, Bosch & BASF (2026) · StMELF, BaySL Digital (2026)

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